blasmusik

 

fex urbis - lex orbis                                         لحم الخنزير المشوي في قشرة مقرمشة لذيذة 

••EDITION

ein Kunstprojekt

SICHER SAUFEN - 2017



ain't no flunserl on my limo...

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"Feuchte Gesellschaft weicht Dich bald ein".

Sorbisches Sprichwort

 

Er trägt ein grünes T-Shirt zu den Lederhosen und kratzt sich mit seinem Landhausmodenschuh an den behaarten Waden auf Höhe der Kniekehle. Das sieht sonderbar aus, wie das Bild von der Ziege, die sich hinterm Ohr kratzt wie ein Hund das ich mal in einem Museum gehen habe. In seinem Auge schwimmt eine Träne. "Wat is los mit Dir? Siehst ja aus wie Rasputin inne Mauser", ruft ein Passant.

Vielleicht konnte der Kniekehlenkratzer bei den Mädchen in der Stadt keinen großen Eindruck
schinden mit einem T-Shirt auf dem „Musikverein Schnürpflingen“ stand?

Ich gehe weiter und denke mir eine Liste aus. Uncoole T-Shirts, die man nicht unbedingt anziehen sollte, wenn man Jemanden kennenlernen möchte.

- Taubenabwehrtechnik Pfnürl

- I fuck at the first date

- Musikverein Schnürpflingen

- Chemiesee (statt Chiemsee (gefälschte Markenklamotte))

Bavaria mit Ruhmeshalle gegen das Gebirge. Blasmusik. Eine Festzeltschlägerei. Dumpf dröhnt der Nasenknorpel. Schrill klirren zerberstende Krüge.Der Rahmen des Gewohnten wird hier mit großer Leichtigkeit gesprengt.

Ein Trupp Sanitäter eilt im Geschwindmarsch zum Zelt und reißt mich aus meinen Gedanken. Die Liste uncooler T-Shirt- Aufdrucke bleibt Fragment.

 

 

 


 

14 Uhr und an sich hat der Tobi genug. Vielleicht heißt er auch nicht Tobi, aber das spielt keine Rolle. Die Luft ist kalt, besonders an seinen Händen, die Sonne brettert. Da steht er, an eine Bude gelehnt und fürchtet zweierlei: verjagt zu werden, also laufen zu müssen, und dass der kalte Schweiß ausbricht. Wenn er's nicht fürchtet, ist das seine Sache, aber er wird's schon fürchten. Der Tobi lehnt also, frierend in kurzer Hose am Standl und klettet seinen Blick an eine Revue aus Steckerlfischen.
Braunes glitzern schraubt sich durch den Sonnenschein, gleich kommt's dem Tobi, heut nicht untenrum, heute obenraus.

 

Kalle Bargeld, aus harteLinie

 


Kotzgeräusche

sind laut einer englischen Studie
für die menschliche Wahrnehmung
die unangenehmsten
Klänge- noch vor Mikrofonrückkoppelungen
und schreienden Babys.

 

 

 


Durchs Gewusel der Hauptachse dringt ein Marsch. Die Hauptachse macht Platz, nur die Pferdeäpfel werden nicht weichen. Eine Kapelle in grauem Filz mit spitzen schwarzen Hüten hält aufs Augustinerzelt zu. Bewundernde Blicke, Smartphones an Selfie-Steckerln allenthalben, der Kapellmeister mit stolzgeschwellter Brust.
Vor dem Biergartenentree schwenkt der Tross auf die Zeltpforte zu, marschiert im Defilé durch ein kümmerliches Häufchen Erbrochenes, das wohl jemand zurückzuhalten versucht hat, das jemandes Kompromiss mit dem Würgereflex war und zum Einmarsch gehört, wie das Blut an den Sandalen der Legionäre.

 

Kalle Bargeld, aus harteLinie

 






Auf dem Kotzhügel liegen vier betrunkene rothaarige Iren im extra zum Anlass des weltgrössten Besäufniss gekauften rosarot-hellbraunen Trachtenlook aus Plastik, trinken Bier aus frisch eingeschenkten Masskrügen. Einer steht und hält zwei Krüge in den Händen.

Es nähert sich ein Securitymann orientalischen Einschlags aus dem Hackerzelt und deutet den Männern höflich in gebrochenem Englisch seinem Auftrag gemäß, dass sie mit ihren Masskrügen wieder in das Bierzelt zurückgehn müssen, weil es nicht erlaubt sei, die Krüge mit nach draussen zu nehmen.
Die Iren stehen ohne Widerrede sofort auf, der eine mit den zweien in der Hand trinkt in einem Zug die eine halbe Mass leer, um sich dann mit der anderen abzufüllen, und gibt dem Ordner den leeren Krug. Die anderen Iren aus der Truppe torkeln gehorsam mit ihren Masskrügen schon in Richtung Eingang, als unvermittelt ein fauchender Kampfroboter aus der Türe des Bierzelts schiesst, ein glatzköpfiger Ironman, gestylt mit Ringbärtchen und Ziegenspitz an der Unterlippe, eine Mischung der Figuren aus
Revenge Warrior und John Carpenters Klapperschlange, die sich, rundum tätowiert, so ihren Selbstwert gepumpt als stramme Männer fühlen und auf den Befehl warten im Kampf gegen das Böse endlich die Macht zu übernehmen.

Die Unterarme, des daher gesprengten Sicherheitsmannes sind mit roten Out of hell - Feuer-Ornamenten tätowiert, die seine Hand wie eine abgeschossene Panzerfaust mit gewaltigen Eisengriff erscheinen lassen; die kleinen Äuglein zu Schiessscharten zusammengepresst stürtzt er kampfeswutig zu dem einen Iren, reisst ihm mit einer gekonnten Drehung den Masskrug aus den Händen, leert ihn aus, fährt diensteifrig, als wäre er ein kämpfender Bruce Willis ebenso auf die anderen zu, übernimmt unerbittlich alle fast vollen Masskrüge, zack zack, einen nach dem anderen. Seine Glatze glänzt, der Hinterkopf mit Doppelwulst und Kopfdeckelschale kleinspitz nach oben, dreht die Masskrüge und schüttet das frische Bier auf den stinkenden Pissbreiboden... Die Iren wanken gutmütig wie anfangs vom Ordner gebeten in das Bierzelt rein, da schreit er, der glatzköpfige Rächer mit der Feuerfaust, dem man zutraut, dass er für wenig Geld seine Mutter, in einen mit Säure gefüllten Biertank stecken und verkaufen würde, dem man ansieht, dass er das nicht schreiben kann was er schreit, rechtfertigt sein rasendes Handeln mit einem furiosen Schrei der vollbrachten Rettung der Biergläser, es flattern nervös die Schläfen und da schreit es aus dem gepiercten Glatzkopf des gerechten Helden:
» das ist DIEPSTAHL!!!...«

die Iren haben volltrunken den Bierraub nicht mitgekriegt, torkeln in den Bierzelt und bestellen sich die nächsten Massen...

 

Lunzn Weinpeppl, 2010

 


Zwei Rollkofferbenutzer eilen geräuschvoll durch eine Seitenstrasse. Der eine sagt zum anderen mit lauter Stimme um die Rollkofferrollen zu übertönen:

„Die sind ja alle völlig aus der Tüte wegen dem Dings, äh, völlig aus dem Häuschen sind die, wegen dem Dings…Wegen der Wiesn. Und so viele Leute. Da muss schon irgendwo ne Buschtrommel am Läuten gewesen sein.“ 

Der andere brüllt in sein Telefon: "Der Axel nimmt morgen noch mal Kontakt mit  Ihnen auf und dann kann er ja einen Termin sagen. Dann kann man noch den größeren Schrank aufbauen, weil die fliegen erst um 15 Uhr. Den anderen Schrank dann in zwei Wochen."

Der Herbst nähert sich mit seinen Farben und die Bäume bekommen eine Ahnung von ihm. Dann auch der Mensch. Beinahe wäre ich in eine grüne Flaschenscherbe getreten. „Bauernwein“ steht auf dem Etikett.

 

 

"Kennst Du auch das Gefühl wenn Du nach dem Kotzen einen Krümel zwischen Nase und Rachen hast?"

"Kenne ich nicht nein. Wie ist das?"

"Eklig."

 



Der erste Blick auf eine fremde unberührte Kultur ist immer auch der letzte (Claude Levi Strauss)

 Bei Görisried ein Landwirt mit einem Seppelhut auf einem Traktor. Ein Hut, wie ich ihn bisher nur auf den Köpfen auswärtiger Oktoberfestbesucher gesehen habe. Ein grauer Filzhut mit weißblauem Band, wie man ihn kurz vor einem Oktoberfestbesuch in der Münchner Bahnhofsgegend in einem Café, das für die Wiesnzeit in einen temporären Dirndl-to-go-Shop umgewandelt wurde, kauft. Manche Besucher denken, das trügen die Leute hier. Ich habe so einen Hut außer auf den Köpfen auswärtiger Oktoberfestbesucher noch nie gesehen, dabei lebe ich seit 47 Jahren in Bayern. Und nun zum ersten Mal in Natura. Auf dem Kopf dieses Landwirts auf dem Traktor. Auf dem Feld unter einer sich auflösenden Lämmerwolke, kurz vor Görisried. Das hat Seltenheitswert. Das ist, wie wenn man zum ersten Mal einen Eisvogel sieht oder einen Steinadler.

 

Im Hackerzelt hat gerade ein Japaner seinen Fotoapparat in seinen Schweinsbraten fallen lassen.

Eine Wolke Bierdunst schwebt über ihm. Auf der Designer-Hose des Zeltnachbarn prangt nun ein Soßenfleck.

Der Japaner sieht aus wie der Grasunter mit am Hüatei. Der wachhabende Security sieht aus wie ein kalt gewordener Semmelknödel. Der Nachbar mit der Designerhose sieht aus als hätte er letzet Nacht betrunken auf der Tanzfläche einer Dorfdisco gelegen.

Angeblich stieß man mit schweren Bierkrügen an, dass das Bier von einem in den anderen Krug schwappte, damit, wenn der andere es trank und es vergiftet war, er auch sterben musste. Aus Vorsicht vor Mordanschlägen stieß man an.

 Verletzt man eigentlich das Urheberrecht, wenn man auf eine Markendesignerhose einen Flicken draufbügelt?  Verletzt man das Urheberrecht wenn man einen Soßenfleck auf einen Markendesignerhose macht?

Blasmusik ertönt, dass die Pilze im Wald vor Freude zu tanzen beginnen. 

Die Eier auf dem Teller wirken wie zwei ausgelaufene Sonnenuntergänge. Alles ist in bernsteinfarbenes Licht getaucht. Die Sonne geht unter und ein goldener Schimmer liegt über den Schaubuden, die man vom Gangarten des Festzeltes aus sehen kann. 

 

 

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